Race Around Austria

„Lasst uns doch gemeinsam um Österreich fahren…2200km!“ Das war der Grundgedanke der Idee als 4er Team, beim Race Around Austria mitzumachen. Mitten drinnen statt nur dabei war unser Coach Gabriel Knoll und hat uns einen Bericht zukommen lassen..

So simpel das Vorhaben auch klingt, der Aufwand und die Härte der Umsetzung ließen sich gar nicht erahnen.

Denn hinter dem Ganzen steckte zunächst einmal 1 Jahr des Planens und Organisierens. Neben den Finanzen galt es Betreuer, Fahrzeuge, Unterkünfte, Verpflegung, Equipment, Streckenplanung und Kommunikationsmöglichkeiten zu organisieren. Wie bereite ich mich darauf vor? Allein diese Hürde veranlasste viele Teams zur vorzeitigen Abmeldung des Rennens. „Ach ja, da es ein Rennen ist….wäre da auch noch ein Zeitlimit zu erfüllen!“ Also nichts mit locker durchbringen, sondern alles durch kalkulieren. Wo, wann, mit welcher Geschwindigkeit, all das galt es zu planen.

Wie sehr  andere Faktoren dabei noch eine Rolle spielen, war bis zum Start keinem so richtig klar. Die Bewerbs Ausschreibung liest sich in etwa so:

Race Around Austria
In a team of 4 for time: 2200km roadbiking along the boarder of Austria
Start/Finish: St. Georgen (Salzburg)
Timecap: 100h
Cut Off 1: 860 km Halberain 36h
Cut Off 2: 1300 km Hochtor 55h
Cut Off 3: 1650 km Bludenz 77h

Am Mittwoch den 09.08 um knapp 17 Uhr war es dann so weit. Nach einem Tag des Eincheckens, Überprüfens und Kontrollierens (hier galten eine Menge Sicherheitsauflagen) fiel endlich der Startschuss.  Voller Euphorie, und mit, im Startbereich kundgetaner Entschlossenheit, ging es auf den Weg. Ein Weg, der zur  Reise wurde,  die von jedem einzelnen des Teams wohl anders wahrgenommen, bewältigt und erlebt wurde.

Der Ablauf war relativ simpel. Einer fuhr und wechselte mit seinem Partner circa alle 20-30‘. Nach 3-4 Stunden gab es einen Wechsel mit den anderen beiden Teammitgliedern, welche sich im Wohnwagen ausruhten, der sich schon mal zum nächsten vereinbarten Wechselort begab.

Der Start war zunächst relativ explosiv, hier wurden gleich richtig attackiert. Ein ständiges Überholen der verschiedenen Teams, fand durchgehend die erste Nacht statt. Gar nicht so ungefährlich, wenn Gegenverkehr und Pace Car mitberücksichtigt werden müssen. Das Pace Car musste nachts dem Athleten permanent im Nacken sitzen. Andernfalls drohten Penalties, welche neben Zeitstrafen auch schnell zur Disqualifikation führen konnten. Sicherheit stand hier hoch.

Keine 9 Stunden, ein Unwetter und die ersten steilen Anstiege später, kam die Ernüchterung. Das Rennen war von Beginn an fordernd und nicht wie erwartet erst ab der Großglockner Region.

Dabei sollte die Strecke selbst noch das kleinste Hindernis darstellen, welches es zu überwinden galt. Das mentale Spiel hatte begonnen.

Jeder Athlet musste wohl auf seine Art die anstehende Belastung verarbeiten, was eine Teamarbeit gar nicht mal so einfach gestalten und das gemeinsame Ziel vorerst in die Ferne rücken ließ. Spannungen und Emotionen häuften sich in der Mitte des Rennens. Mit einsetzender Ermüdung kam hier schnell mal der Gedanke, man selbst bekäme nur die schlechtesten Streckenabschnitte zu fahren. Dabei versuchte jeder nur das zu machen, was er eben am besten konnte.

Mit Beginn der 2. Nacht kam dann wohl unser größtes Hindernis hinzu: Das Wetter.

Mit einem Blitzgewitter zu Beginn, entwickelte sich ein Unwetter in den Regionen der Steiermark, welches alle Teams, durch Stromausfälle, fliegende Äste und einen Regenbruch für 2 Stunden zum Stopp zwang. Hier schieden extrem viele Teams aus, da für sie die Cut Off Zeiten nicht mehr zu erreichen waren.  Für uns selbst wurde es ein Rennen von Cut Off zu Cut Off. Den Gipfel des Großglockners erreichten wir nur mit 3h Pufferzeit. Der Regen blieb auch weiterhin unser stetiger Begleiter, der tagsüber zwar vereinzelt aufatmen ließ, aber die richtige Kleidungswahl zu einer spannenden Disziplin machte.

Im Verlauf der 3. Nacht erreichte dann mein persönlicher Kampf, welcher sich auch durch die Tage zog, langsam seinen Höhepunkt. Ein bis dato unterschätzter Faktor, der Schlaf.

Eigentlich ein ziemlich simpler Arbeitsauftrag: Radfahren, Essen, Schlafen. Bei einem 12h- Tag in Summe, sollte letzterer auch eigentlich nicht zu kurz kommen. Nur, was macht man wenn man nicht einschlafen kann?

Obwohl man stetig körperlicher Belastung ausgesetzt ist!? Oder vielleicht auch gerade deswegen?! Der Grund und die Lösung dafür bleibt ein Rätsel, die Faktoren zu viele. Ernährung, Flüssigkeit, Wettkampf, fahrender Wohnwagen, um nur ein paar zu nennen.  Jedenfalls gelang es mir nicht, in den Pausen abzuschalten. Schlaf ist eben nicht gleich Schlaf, das durfte ich zu dem wohl unpassendsten Zeitpunkt selbst erfahren. Wenn man sein Hirn, bei einem solchen Rennen, über einen gewissen Zeitraum nicht abschalten kann, dann ist das ziemlich gut mit einem Alkoholrausch zu vergleichen. Während des Konsums fühlt sich grundsätzlich alles großartig an, auch wenn die Motorik und allgemeine Leistungsfähigkeit stetig sinkt und eingeschränkt wird. Nur nach dem Niederlegen kommt das böse Erwachen.

Übertragen aufs Rennen, war das Fahren selbst stets super, auch wenn sich Einbußen in der Leistungsfähigkeit stetig abzeichneten.

Ein immer mehr limitierter Maximalpuls machte Berganstiege unmöglich. Du keuchst immer tiefer und glaubst, du hättest mit schwerster Atemnot zu kämpfen, obwohl du dich muskulär nicht gefordert fühlst.

In der Ebene funktioniert alles wie ein einprogrammierter Automatismus.  Die Pausen jedoch machten alles zunehmend schlimmer.  Du liegst zwar und schließt die Augen, jedoch versucht das Hirn die Belastung zu verarbeiten, ohne dass es das wirklich kann und verschwendet dafür Energie. Der Ruhepuls ging nie unter 80s/min, was eine Erholung unmöglich machte. Daraus resultierte, dass ich aufstehen musste und mich fühlte als müsste ich mich erst einmal übergeben.

Ab der 3. Nacht wurde dann alles abverlangt, auch ohne Schlafmangel. Durchgehender Regen während der Nacht, viele Gebirgspässe mit Hagel und extrem niedrige Temperaturen, rutschige Talabfahrten und schlecht getimte Teamwechsel machten die letzten 30h bis zum Ziel nochmal um eine ganze Stufe härter.

Wenn du um 3 Uhr nachts im strömenden Regen allein auf der Straße Rad fährst und nur das Auto hinter dir dich ausleuchtet, dann kann das eventuell nach Freiheit klingen oder gefühlt nach völliger Qual. Gut, dass unser Team so verschiedene Stärken und Schwächen hatte, was das Rennen recht flexibel hielt.

Nach ca. 80h ohne Schlaf, den motorischen Fähigkeiten und Reaktionszeiten eines Zombies, war dann wohl mein persönliches Limit erreicht und der Selbstschutz setzte ein. Hier war der Punkt wo ich gesagt hätte, ich gebe auf, konnte aber endlich einschlafen. Leider befanden wir uns zu diesem Zeitpunkt schon kurz vor dem Ziel, denn nach gut 3h wurde ich wieder munter und fühlte mich motiviert als wäre vorher nichts gewesen.

Die gemeinsame Zieleinfahrt war sehr emotional und befreiend. So ein Extrem-Rennen ist definitiv ein Erlebnis aus dem man viel lernen kann und das viele „Was wäre gewesen, wenn?“ -Fragen aufwirft, welche den Rennverlauf hätten völlig verändern können.


Dieses soll definitiv nicht das letzte Mal gewesen sein!! ……….und der Hintern hat 2 Tage später auch schon nicht mehr geschmerzt.